Dokumentation Welche Macht und welchen Einfluss haben Frauen in Afrika?

Vortrag und Diskussion mit der Politikwissenschaftlerin, Politikberaterin und Aktivistin Hakima Abbas.

Information

Veranstaltungsort

ZAKK
Fichtenstr. 40
40233 Düsseldorf

Zeit

23.01.2014

Mit

Hakima Abbas.

Themenbereiche

International / Transnational, Afrika, Geschlechterverhältnisse

In Kooperation mit dem Referat Afrika der RLS hat der Rosa Luxemburg Club Düsseldorf die Politikwissenschaftlerin und Menschenrechtsaktivistin Hakima Abbas am 23.01.2014 zu einer Abendveranstaltung ins Düsseldorfer Zentrum für Aktion, Kultur und Kommunikation eingeladen. Bei der Diskussion unter dem Titel „Welche Macht und welchen Einfluss haben Frauen in Afrika?“ standen soziale Bewegungen aus feministischer Sicht im Mittelpunkt und die Frage, welchen Effekt sie haben können. Daneben wurden neokoloniale Züge des europäischen Entwicklungsdiskurses thematisiert. Als ehemaliges Mitglied der afrikaweit aktiven Organisation Fahamu und durch ihre Mitgliedschaft im Board of Directors der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Ostafrika hat Hakima Abbas viele Erfahrungen mit sozialen Bewegungen sammeln können. Besucht wurde die Veranstaltung von über 20 Teilnehmer/innen, darunter überwiegend junge und zum Teil selbst aktiv engagierte Frauen. Mitdiskutiert, moderiert und übersetzt haben Norbert Ebner, Gymnasiallehrer für Englisch und Geschichte und Freund des Rosa-Luxemburg-Clubs-Düsseldorf und Daniela Glagla, Vorstandsmitglied der RLS NRW, deren Magisterarbeit sich mit dem Thema Frauenrechte in Ägypten beschäftigt.

Soziale Bewegungen in Afrika

Kritisch gegenüber der Unterteilung Afrikas in die Regionen Nordafrika und Subsahara-Afrika, die durch den Norden häufig getroffen wird, begreift Hakima Abbas Afrika als geschichtlich und kulturell zusammengehörenden Kontinent. Daher lasse sich auch der Arabische Frühling nicht isoliert von sozialen Bewegungen in anderen Teilen Afrikas betrachten, die es beispielsweise auch in Senegal oder Mali gibt. Wichtig sei zudem, eine Verbindung zu den sozialen Bewegungen in Europa zu sehen, die in Afrika aufmerksam verfolgt würden. So sei die Occupy-Bewegung von der afrikanischen Zivilgesellschaft wahrgenommen und begrüßt worden.  Allein die Tatsache, dass solche Bewegungen das kapitalistische Weltsystem in Frage stellen und auf dessen Ungerechtigkeiten hinweisen, sei als Erfolg und Hoffnungszeichen zu werten. 

In ihrer wissenschaftlichen Arbeit und als Aktivistin hat sich Hakima Abbas eingehend mit der LGBT-Bewegung für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans  beschäftigt und führt diese Bewegung als Beispiel an. Die LGBT- oder Queer-Bewegung sei in Afrika besonders aktiv. Und indem sie darauf aufmerksam mache, wie die Gesellschaft mit von der Norm abweichenden Personen und Handlungen umgeht, sei sie zentral für einen Wandel. Verwundert über die neu entbrannte SexarbeiterInnen-Debatte in Deutschland, die durch die Kampagne gegen Prostitution der Zeitschrift „Emma“ angestoßen wurde, ging Hakima Abbas auch auf die Positionen zum Thema Sexarbeit in Afrika ein, ein Thema das von der Queer-Bewegung aufgenommen wurde. Die Debatte  in Afrika sei schon seit längerem in vollem Gange und die unterschiedlichen Positionen erinnern an die deutsche Debatte. Die Grenze zwischen den BefürworterInnen und GegnerInnen von Prostitution verlaufe interessanterweise nicht zwischen den Generationen, sondern es gäbe einfach unterschiedliche Meinungen. Es wäre sicherlich eine spannende Diskussion, ob es in einer nichtkapitalistischen Gesellschaft überhaupt Sexarbeit gäbe. Im Vordergrund sollte derzeit stehen, das Recht der SexarbeiterInnen zu stärken selbst über ihren Beruf zu entscheiden. 

Kritischer Blick auf die Entwicklungszusammenarbeit

Das Bundesministerium für Wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit hat Afrika als Schwerpunktregion definiert und ein Großteil des Geldes für Entwicklungszusammenarbeit wird für Projekte in Afrika verwendet (2009 waren es 3,1 von 8,6 Milliarden Euro). Das Afrika-Konzept der Bundesregierung betont eine Partnerschaft auf Augenhöhe und die Entwicklungszusammenarbeit fördert ausschließlich Projekte im Sinne einer Hilfe zur Selbsthilfe. Hakima Abbas zufolge müsse die Entwicklungszusammenarbeit jedoch im Zusammenhang mit der allgemeinen Wirtschaftspolitik gesehen werden und schade aus dieser Perspektive mehr als dass sie nutze. Akute humanitäre Hilfe sei nötig und hilfreich; Entwicklungszusammenarbeit würde jedoch in Wahrheit die Selbsthilfestrukturen zerstören, indem sie Abhängigkeiten schaffe und durch Projektgebundenheit keine langfristigen Verbesserungen ermögliche. Auch wenn dies in manchen Fällen zutreffen mag, blieb die Begründung für eine generelle Ablehnung von Entwicklungszusammenarbeit aus. In vielen Politikfeldern zeige sich, dass die gleiche Augenhöhe nur rhetorisch sei, Afrika könne nicht darauf warten, dass die Einstellung im Norden sich tatsächlich ändere, Eigeninitiative sei gefragt. Im Sinne einer sozialen Bewegung sei es Abbas zufolge besser, die eigene Zukunft jenseits der Wege zu gestalten, die durch konventionelle Nichtregierungsorganisationen und politische Parteien angeboten werden. Verdeutlicht wurde dieses Argument, als  Aktivistinnen aus dem Publikum auf die Solidaritätskampagne von Amnesty International für die Frauenrechtsbewegung WOZA (Women of Zimbabwe arise) aufmerksam machen: Es sei sinnvoll, so Hakima Abbas, solche Bewegungen direkt und auch finanziell zu unterstützen.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Frauenbewegung 

AktivistInnen und WissenschaftlerInnen aus dem Publikum nahmen in der Diskussion Fragen zu den einzelnen Bewegungen auf und erörterten die Konflikte der deutschen und der afrikanischen Frauenbewegung, die auf den Weltsozialforen offenbar geworden sind. Dort wurde analysiert wie die Frauenbewegung in den Industrieländern versucht hat, die afrikanische Frauenbewegung zu vereinnahmen, ohne unterschiedliche Voraussetzungen und  Ziele anzuerkennen. So ist etwa die Forderung nach dem Eintritt in die Berufswelt für die afrikanischen Aktivistinnen völlig unverständlich, die nie dafür kämpfen mussten am Arbeitsmarkt teilzuhaben, da dies selbstverständlich ist. Es sei schwierig, so Hakima Abbas, ein afrikanisches Land zu nennen, in dem die Frauenrechte als positiv herausgestellt werden könnten. Es sei zwar richtig, dass sich das Patriarchat unterschiedlich manifestiert habe, doch können die durch die Vereinten Nationen definierten Kriterien zur Darstellung der Situation von Frauen nicht das wahre Bild wiederspiegeln. Wenn im Parlament viele Frauen vertreten seien, hätten sie nicht automatisch auch mehr Einfluss.  

Bericht: Daniela Glagla (Vorstand RLS NRW)