Nachricht | Ungleichheit / Soziale Kämpfe Was für ein Misstrauen!

Interreligiöser Dialog über gesellschaftliche Alternativen überforderte das Vertrauen der Kirchentagsleitung. Eine Einschätzung von Karl-Heinz Heinemann, Vorstandsvorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW

In dem von der Rosa-Luxemburg-Stiftung auf dem Kirchentag in Dortmund angebotenen Workshop „Imperien des Mammons oder Wege der Gerechtigkeit“ ging es zwar mit keinem Wort um den Israel-Palästina-Konflikt, aber die Beteiligung von zwei mutmaßlichen BDS-Unterstützern reichte der Kirchentagsleitung aus, um zu verlangen, die verdächtigen Referenten auszuladen.

Die Veranstalter konnten und wollten sich diesem Druck nicht beugen. ReferentInnen und die trotz offizieller Absage verbliebenen über 30 Teilnehmenden zogen zur Diskussion auf die Wiese vor dem Kirchentagsgelände. Dabei wurden sie begleitet von zwei Vertretern des Kirchentags, die mit Funk-Knopf im Ohr und Lageplan in der Hand, dafür sorgten, dass das Ganze nicht etwa auf einem Gelände stattfände, über das der Kirchentag noch die Hoheit hätte. So wurde die Gruppe von der schattigen Wiese in die pralle Sonne vertrieben. Dort diskutierten die Kirchentagsteilnehmenden dann aber gut zwei Stunden mit allen eingeladenen Referent*innen wie geplant zum Thema.

Das Thema dieses Workshops war der Dialog mit Christ*innen unterschiedlicher Konfession und Muslimen über notwendige gesellschaftliche Alternativen. „Was ist das Gemeinsame zwischen Linken, die sich weltanschaulich oder religiös unterschiedlich verorten?“ fragte Cornelia Hildebrandt als Moderatorin der Veranstaltung. Sabine Plonz und Cordula Ackermann, evangelische und katholische Theologinnen, machten auf die Schwierigkeit aufmerksam, zwischen „linker“, sozialistischer und christlicher Identität und Perspektive zu unterscheiden. Ulrich Duchrow, emeritierter Theologe aus Heidelberg, stellte das Eintreten für zureichende Versorgung mit öffentlichen Gütern, Bildung, Gesundheit, Infrastruktur als gemeinsames Projekt vor.

Der muslimische Theologe Farid Esack aus Südafrika, interpretierte die Positionierung der an den Rand des Kirchentags gedrängten Veranstaltung als charakteristisch für gesellschaftskritische Positionen, aus der heraus man Politik und Visionen entwickeln könne. Aus seiner Sicht müssen die Probleme der Gesellschaft von den Rändern her verändert werden, dort wo die Marginalisierten sind. Er verglich die gesellschaftliche Entwicklung mit einem fahrenden Zug, in dem es Menschen gibt, die Platzkarten verschiedener Klassen haben oder auf der Suche nach einem freien Platz sind oder auf den Gängen des Zuges sitzen. Und es gibt viele, die noch nicht mal den Zug erreichen und neben den Gleisen laufen. Aber das Problem ist, dass der Zug in die falsche Richtung fährt, gestoppt werden muss. Die Klimaschäden, der Mangel an Wasser wird immer mehr zum Problem vieler Menschen in Afrika.

Das Verhältnis Mensch und Natur – darüber waren sich die Podiumsdiskutant*innen einig, müsse verändert werden. Es braucht eine Abkehr von der Wachstumslogik führte Ulrich Duchrow aus. Es brauche breite Bündnisse wie zum Beispiel bei den zeitgleich stattfindenden Protesten von “Ende Gelände“, so Cordula Ackermann. Bündnisse zu bilden, heißt jedoch auch, aus festgefahrenen Identitäten herauszutreten, sich selbst zu verändern. Und es heißt aufzubrechen. Beispiele solcher Aufbrüche und über die Schwierigkeiten eines solchen Weges wurde diskutiert und auf die Stellen im Alten Testament verwiesen, wie auch auf Stellen, die sich hierzu im Marxismus finden, aber auch in den Ansätzen der feministischen Theologie, die beide Denktraditionen zusammenbringt. Es war eine lebhafte Diskussion, viel zu kurz um diese Grundfragen erschöpfend beantworten zu können.

Wie ist es zu dieser räumlichen Verlegung der Veranstaltung gekommen?

Die RLS hat auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund für den 20.6.2019 einen Workshop über Alternativen zum Kapitalismus mit dem Titel „Imperium des Mammons oder Wege der Gerechtigkeit“ angemeldet. Zu dieser Veranstaltung waren Dr. habil. Sabine Plonz, Dozentin für Theologie an der WWU Münster, Cordula Ackermann, katholische Theologin vom Institut für Theologie und Politik, der Befreiungstheologe Ulrich Duchrow aus Heidelberg, sowie der muslimische Befreiungstheologe Farid Esack eingeladen. Die Veranstaltung war ordnungsgemäß angemeldet und Ulrich Duchrow ist kein Unbekannter. Er wirkte selbst 20 Jahre im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags mit und war als Ehrengast zu diesem Kirchentag eingeladen. Bereits einige Tage im Vorfeld hat das Portal „Ruhrbarone“ Duchrows und Esacks Teilnahme scharf kritisiert, weil die beiden BDS  unterstützen.

Am Morgen des 20.6. forderte Samuel Salzborn die Kirchentagsleitung in der Jüdischen Allgemeinen auf, „Endlich zu handeln“. Wenige Stunden später meldete sich - wenige Minuten vor einer angesetzten Pressekonferenz die Kirchentagsleitung bei der RLS telefonisch, es werde in der gleich beginnenden Pressekonferenz gefordert werden, zwei Referenten von ihrem Podium auszuschließen.

Die RLS erklärte, sie werde keine Referenten zurückziehen, sah sich aber aufgrund des enormen politischen und zeitlichen Drucks gezwungen, die Veranstaltung in der bisherigen Form abzusagen. Die RLS erklärte außerdem, die Veranstaltung mit dem Titel „Imperien des Mammons oder Wege der Gerechtigkeit“ an einem anderen Ort stattfinden zu lassen. Die Nähe zweier Referenten zu BDS reichte aus, um zu behaupten, der Stiftung, und gar dem Kirchentag, der solches dulde, ginge es um antisemitische Propaganda und die Denunzierung Israels – eine Unterstellung, die die Kirchentagsleitung in ihrem Vertrauen derart erschütterte, dass sie die Stiftung vor die Alternative stellte, die inkriminierten Referenten auszuladen oder die Veranstaltung abzusagen.

Erst kürzlich warnte eine Reihe namhafter Theologen, Wissenschaftlerinnen und Vertreterinnen jüdischer Organisationen davor, BDS nahe stehende Positionen per se als antisemitisch zu verurteilen und damit jede Kritik am israelischen Besatzungsregime im Westjordanland mit Antisemitismus und Israelfeindlichkeit gleichzusetzen. Nicht durch BDS, sondern erst durch diese Gleichsetzung wird suggeriert, dass die Existenz Israels unmittelbar mit dessen Politik in den besetzten Gebieten und gegenüber den Palästinensern verknüpft ist. Im Übrigen muss man nicht alle Auffassungen teilen, die in der BDS-Kampagne vertreten werden, um gegen deren Ausschluss aus jeglicher politischen Diskussion zu protestieren.

Das Thema des Workshops ließ sich selbst bei bösestem Willen nicht mit Israelkritik in Verbindung bringen. Zumal, wie Cornelia Hildebrandt in ihrer Moderation betonte, die Auffassungen der Referent*innen zu dieser Frage völlig diametral sind,  auch wenn sie, wie in dieser Debatte, in anderen Fragen übereinstimmen.

Zu den beiden Referenten

Einer der beiden auszuladenden Referenten war Prof. Dr. Ulrich Duchrow, emeritierter Theologieprofessor in Heidelberg, war als Ehrengast zum Kirchentag eingeladen. Kairos Europa, die ökumenische Organisation mit antikapitalistischem Profil, die er vertritt, arbeitet eng mit Christen in Palästina zusammen, die dort für die Wiederherstellung der Menschenrechte eintreten – eine Ambiguität, die man hierzulande offenbar nicht mehr aushalten mag. Farid Esack, der andere auszuladende Referent, islamischer Theologe in Südafrika, dort führend in der Anti-Apartheidsbewegung unter Nelson Mandela tätig, der für die Verständigung von Muslimen und Christen eintritt, ist führender Kopf der BDS-Bewegung in Südafrika. Seine historischen Erfahrungen sind andere als die der Erben eines Volkes, das für das größte Menschheitsverbrechen verantwortlich ist. Auch diesen Widerspruch sollten aufgeklärte Menschen begreifen und aushalten können.

Kirchentagsbesucher*innen, die am Stand der Rosa-Luxemburg-Stiftung die Diskussion suchten, hatten kein Verständnis für das Verhalten der Kirchentagsleitung. Offenbar wurden aber auch vereinzelt Gerüchte in Umlauf gebracht. U.a. dass die RLS unter einem falschen Deckmantel eine BDS-Veranstaltung angekündigt hätte. Das hat sie nicht. Gerade hat die „Bank für Sozialwirtschaft“ der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ das Konto gekündigt, der Direktor des Jüdischen Museums in Berlin musste zurücktreten, weil er auf Stimmen hingewiesen hat, die vor einer Gleichsetzung der Kritik an der Regierung Netanjahu mit Antisemitismus warnten. Hätte sich die Rosa-Luxemburg-Stiftung dem Verdikt der Kirchentagsleitung widerstandslos gebeugt, hätte sie sich ihrem Auftrag entzogen, die Debatte über kontroverse Sachverhalte auch offen zu führen. „Was für ein Vertrauen“, das Motto des Kirchentags, heißt es nicht auch zu vertrauen in die Fähigkeit von Menschen, Mehrdeutigkeiten auszuhalten?

Karl-Heinz Heinemann
Vorsitzender des Vorstands der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW