Nachricht | Parteien- / Bewegungsgeschichte - Erinnerungspolitik / Antifaschismus - Deutsche / Europäische Geschichte Radtour durchs Ruhrgebiet auf der Suche nach über 100 Jahren „Märzrevolution“

Bildungsurlaub 5.–10. September.

Eine Mauer mit Gedenktafel, auf der steht: "Für Frieden, Freiheit und Demokratie. Zur Erinnerung an die Niederschlagung des Kapp-Putsches im März 1920"
Gedenktafel am Bahnhof der Stadt Wetter (Ruhr), Deutschland, CC BY-SA 3.0, Markus Schweiß (via Wikimedia Commons)

+++ Update, 21. Juli: Alle Plätze sind vergeben. Eine Anmeldung ist leider nicht mehr möglich. +++

Geschichtspolitik ist ein relevantes Feld gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Der Kampf um Geschichte oder konkreter um die Hegemonie derer Deutung verweist immer auf politische und gesellschaftliche Auseinandersetzungen der Gegenwart und auf Kämpfe um die Gestaltung der Zukunft menschlichen Zusammenlebens. Der durch den Erste Weltkrieg ausgelöste Revolutionszyklus wirkt in der Bundesrepublik Deutschland erinnerungspolitisch und -kulturell bis in die Gegenwart hinein nach. Wer sich hierzu informieren will und nach Orientierung sucht, wird oft von einer Fülle an Deutungsangeboten überwältigt. Die Erinnerungsarbeit und Ideologieproduktion setzten schon während der Kämpfe 1920 ein, um in der Zeit danach bald zu Recht geschlossenen Erzählungen zu gerinnen, denen man noch heute begegnet. Wir wollen die konkurrierenden Erzählungen zur Märzrevolution von 1920 darstellen und die historischen wie aktuellen Debatten im Lichte des hundertsten Jahrestages ordnen. Wie wird Geschichte und Erinnerung am konkreten Ort von wem und in welcher Absicht konstruiert und inszeniert? Mit welchen Intentionen wird erinnert aber auch vergessen? Diesen und anderen Fragen wollen wir uns ideologiekritisch nähern.

Das Ruhrgebiet war in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg eines der wichtigsten Zentren sozialrevolutionärer Arbeiterunruhen. Einen absoluten Höhepunkt dieser Klassenbewegungen markierte die Abwehr des rechtsradikalen Kapp-Putsches, die sich im Frühjahr 1920 zu einer ernsthaften Bedrohung der kapitalistischen Eigentumsordnung auswuchs. Am 13. März putschten prä-faschistische Teile der Reichswehr und der alten politischen Eliten in Berlin mit dem Ziel, eine völkisch-nationalistische Militärdiktatur zu errichten gegen die Republik und die demokratisch gewählte Regierung von SPD, DDP und Zentrum. Vor ihrer Flucht aus der Hauptstadt veröffentlicht die Regierung aber noch einen Aufruf zum Generalstreik. Der von weiten Teilen der arbeitenden Bevölkerung getragene Streik führten dazu, dass der Putsch nach wenigen Tagen am 17. März zusammenbrach. Der Generalstreik wurde daraufhin von Teilen der organisierten Arbeiter:innenbewegung abgebrochen. Das bedeutete aber noch nicht das Ende der Protestbewegung, die gleichwohl nach dem sog. Bielefelder Abkommen vom 24. März geschwächt war: Teile der SPD nahen Kämpfer:innen beendeten den Widerstand, weil in ihren Augen die Republik zumindest für den Moment gerettet schien. Besonders im hiesigen Industrierevier versuchten aber große Teile der Arbeiterbewegung (Anarchist:innen, Sozialdemokrat:innen beider Parteien, Kommunist:innen und vereinzelt waren auch bürgerliche Kämpfer:innen dabei) organisiert in der gerade entstandenen Roten Ruhrarmee, einem Zusammenschluss von Arbeitermilizen, doch noch die soziale, die sozialistische Revolution durchzusetzen.

Von Dortmund bis Duisburg bildeten sich in zahlreichen Ruhrgebietsstädten jene Milizen, die nicht nur den Putschisten das Handwerk legten, sondern deren Räte für einige Wochen auch die Kontrolle über Kommunalverwaltungen, Fabriken und Bergwerke übernahmen. Am Ende wurde die Zehntausende von Milizionär:innen umfassende Rote Ruhrarmee zwar von einem Verbund aus Regierungstruppen und faschistischen Freikorps besiegt und in einem regelrechten Blutbad ertränkt. Der Erinnerung an diesen dramatischen Versuch kollektiver Selbstbefreiung konnte aber nicht einmal durch den konterrevolutionären Terror völlig ausgelöscht werden.

Im Rahmen unserer Radtour besuchen wir Relikte und Schauplätze dieser historischen Klassenkämpfe, fragen uns aber auch, worin die Aktualität der damals zutage getretenen Herausforderungen besteht. Lässt sich chauvinistischer Freikorpsterror von damals mit der „toxischen Männlichkeit" und den rechtsterroristischen Strukturen von heute vergleichen? Was unterscheidet heutige Sozialisierungsideen (etwa im Bereich des Wohnungsbaus) von historischen Vorläuferbewegungen? Und wie steht es heute um die historisch-politische Bewusstseinsbildung in Bezug auf Kapp-Putsch und Märzrevolution? Die Erinnerung an diese Kämpfe und auch an die Opfer aus den Reihen der Arbeiter:innen-Bewegung war lange Jahre – trotz aller parteipolitischen Spaltungen – ein wichtiger gemeinsamer Bezugspunkt.

Um Fragen wie diese beantworten zu können, werden wir vom Südosten des Ruhrgebiets aus seine nordwestlichen Ausläufer ansteuern, aber häufig Pausen einlegen und pro Tag nicht viel mehr als 40 Kilometer mit dem Rad zurücklegen. Wir besuchen Erinnerungsorte in Hagen, Witten, Wetter, Essen, Bottrop, Dinslaken und Wesel. Unterwegs und an den Abenden soll schließlich genügend Zeit für Vorträge, Diskussionen auch mit externen Referent:innen, Reflexionen und andere politische Anregungen bleiben.

Das detaillierte Programm wird zeitnah an dieser Stelle veröffentlicht und den Teilnehmenden zugeschickt.

Seminarleitung: Dr. Stephan Stracke und Dr. Salvador Oberhaus

Teilnahmebeitrag: 325,00 EUR
Im Teilnahmebeitrag enthalten sind Unterkunft (5 Übernachtungen) und Frühstück in der Jugendherberge; Bahnfahrten während der Tour; Eintrittsgelder, Vorträge, Rundgänge; Gepäck-Transfer zwischen den Herbergen.
Die An- und Abreise sind selbst zu zahlen und zu organisieren. Zudem fallen Kosten für Mittag- und Abendessen an.
Die Unterbringung erfolgt im Einzelzimmer. Eine Unterbringung im Doppelzimmer zum selben Preis ist auf Nachfrage möglich.

Wir tagen und übernachten am:
5. September in Hagen
6.-8. September in Witten
8.-10. September in Duisburg

Rückfragen per Email an post@rls-nrw.de

Die Teilnehmendenzahl ist pandemiebedingt auf 15 Personen begrenzt. Wir bitten daher um eine frühzeitige, wie auch verbindliche Anmeldung.

Corona - Update
Die Corona-Pandemie erschwert die Planung unserer Veranstaltungen. Wir sind zuversichtlich ab Sommer 2021 wieder regulär Präsenzseminare durchzuführen. Vorgaben, die sich aus den allgemeinen Regelungen des Gesundheits- und Hygieneschutzes ergeben, werden von uns umgesetzt.
Sollte sich herausstellen, dass wir die Radtour pandemiebedingt nicht mit Übernachtungen und als Gruppen-Bildungsurlaub veranstalten können, werden wir Tagestouren anbieten.

Bildungsreise – als Bildungsurlaub anerkannt – organisiert durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Hamburg sowie Arbeit und Leben Berg-Mark.