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60.000 Juden und Jüdinnen wanderten zwischen 1933 und 1941 aus dem Deutschen Reich nach Palästina aus, das entspricht ungefähr einem Achtel der 1933 in Deutschland lebenden Juden und Jüdinnen (S. 35). Heinze-Greenbergs Buch fragt danach, was diese nach ihrer Ankunft waren: freiwillige oder gezwungene EmigrantInnen, Vertriebene, Flüchtlinge? Zweitens erzählt es ausführlich und anschaulich vom Leben einzelner mehr oder minder Prominenter. Denn es war ein mitunter entscheidender Unterschied für den Neustart, welchen Beruf man in seinem alten Leben ausgeübt hatte.
Während z.B. ArchitektInnen oder FotografInnen sich schnell ein neues Leben aufbauen konnten, fiel dies z.B. allen, die primär mit Sprache zu tun gehabt hatten, weitaus schwerer. Juristen oder Schriftsteller mussten sich komplett umstellen und waren weit mehr auf die Beherrschung der neuhebräischen Sprache angewiesen, als etwa ein eher handwerklicher Beruf. Oftmals sorgte die Frau durch Tätigkeiten als Haushaltshilfe für das nötige Einkommen, oder ein Ehepaar eröffnete eine Suppenküche. Paradox und damit sehr gewöhnungsbedürftig war für viele auch die grundsätzliche Situation, waren sie doch aus dem Exil oder der Diaspora in die imaginierte alte Heimat geflohen, also gerade umgekehrt, wie es normalerweise vonstatten geht.
Heinze-Greenberg beschreibt anhand von Quellen und veröffentlichter Literatur die Ankunft und das Leben einzelner Personen. Der ehemalige Bauhäusler und KPD-Mitglied Mordechai Ardon (1896-1992) prägte etwa, 1933 eingewandert, die Kunstgewerbeschule „Bezalel“, ist gar von 1940 bis 1952 deren Direktor. Sie streut aber auch immer wieder interessante Zahlen in ihren Text ein: So waren, schreibt sie, nie mehr als sieben Prozent der Bevölkerung in einem Kibbuz situiert; das immense Bevölkerungswachstum kann schon an der Anzahl der EinwohnerInnen von Tel Aviv abgelesen werden. Von 1935 bis zur Gründung des Staates Israel 1948 verdoppelte sich diese auf 240.000. Von 1948 bis 1951 wanderten dann weitere 700.000 Juden und Jüdinnen ein, darunter circa 300.000 Überlebende der Shoa.
Heinze-Greenberg thematisiert auch kulturelle und politische Aspekte, etwa die verbreitete, und gerade in der Kibbuzim Bewegung vertretene Ansicht, Antisemitismus werde der Boden entzogen, wenn Juden und Jüdinnen beweisen, dass sie körperlich arbeiten (können). Sie zeigt auch, dass die Eingewanderten dem politischen oder dem kulturellen Zionismus anhingen. Schafften sie sich durch ihre mitgebrachten Lebensformen ein insulares Dasein und Zuhause, das letztlich nur die Zustände im Herkunftsland spiegelte? Wie drückte sich das Verhältnis vieler Juden und Jüdinnen zu Bildung unter diesen neuen Umständen aus? Wie muss diese organisiert sein, um bei der Stiftung einer neuen jüdischen und dann auch nationalen Identität hilfreich zu sein? Viele der deutschsprachigen EinwandererInnen taten sich schwer mit dem Neuhebräischen, was wiederum dazu führte, dass jene kritisch gesehen wurden, da sie sich der neuen gemeinsamen Sprache verweigerten. Also der Sprache, die das verbindende Element, wenn nicht als Ersatzreligion die Leitkultur in Palästina und Israel war.
Die Publikation ist ein immens vielseitiges, kluges wie ein ungemein lehrreiches, und sehr angenehm zu lesendes Werk. Das Personenverzeichnis mit biographischen Daten (S. 319-331) ist für eine weitergehende Beschäftigung hilfreich.
Ita Heinze-Greenberg: Zuflucht im Gelobten Land. Deutsch-jüdische Künstler, Architekten und Schriftsteller in Palästina/Israel; Theiss Verlag, Darmstadt 2023, 336 Seiten, 29 Euro
Auf dem Portal HSozKult wurde das Buch am 7. Dezember 2023 auch rezensiert.

