Details

Diese voluminöse Publikation ist ein umfangreiches und detailliertes Kompendium über autoritäres und faschistisches Denken und Handeln an der Akademie der bildenden Künste Wien; einem für die künstlerische Produktion Österreichs sehr wichtigen, wenn nicht zentralen Ort. Es ist das beeindruckende Resultat zweier Konferenzen an der Akademie 2023 und 2024, und einer kollektiven Anstrengung, das Autor:innenverzeichnis enthält zwei Dutzend Einträge. Viele der Texte basieren auch auf Archivrecherchen.
Zeitlich greift es über die Zeit des Nationalsozialismus 1938-1945 hinaus, und bezieht die austrofaschistische Periode und deren Vorgeschichte ebenso wie die Nachgeschichte nach dem Ende Zweiten Weltkrieges ausdrücklich mit ein1. Disziplinär umfasst es geschichts- und kulturwissenschaftliche Beiträge ebenso wie künstlerische und literarische Formen.
Die Akademie versteht sich heute als eine Institution kritischer Kunstproduktion und progressiver Theoriebildung. Doch in der Vergangenheit, im Austrofaschismus und Nationalsozialismus, war sie ein Hort, wenn nicht Kulminationspunkt antidemokratischer, antisemitischer und deutschnationaler Mobilisierung. Es dominierten ein reaktionäres Kunstverständnis und eine Abwertung der künstlerischen Moderne, die bis weit in die Nachkriegszeit fortwirkten. Nach 1945 konnte und wurde personell und ideologisch an die Zeit des Austrofaschismus vor 1938 angeknüpft und der Nationalsozialismus wurde ausgeblendet. Eine «Aufarbeitung» fand nicht statt.
Diese Prozesse als auch deren Kontinuitäten an der Wiener Akademie sind bis heute allenfalls in Ansätzen aufgearbeitet. Ein Meilenstein war eine Konferenz 1989, die von Studierenden damals, über 40 Jahre nach Kriegsende, noch gegen den Großteil der ProfessorInnen durchgesetzt werden musste2.
Die Beiträge des Bandes untersuchen personelle Netzwerke und institutionelle Weichenstellungen sowie deren Auswirkungen auf Kulturpolitik und Ästhetik. Biografische Skizzen von Entscheidungsträger:innen, aber auch von verfolgten Akademiemitgliedern zeigen, welche unterschiedlichen Handlungsspielräume Menschen an der Akademie hatten. Ergänzt werden die Textbeiträge um künstlerische Arbeiten, die sich kritisch mit der Gewaltgeschichte der Institution auseinandersetzen.
Die Entscheidung, die Geschichte der Akademie nicht allein über prominente Professoren oder kunsthistorische Entwicklungen zu erzählen überzeugt. Stattdessen rücken zahlreiche Fallstudien Personen in den Blick, die bislang kaum Beachtung fanden: verfolgte Studierende, Verwaltungsangestellte, Kunstpädagoginnen oder Funktionsträger, deren Biografien die Handlungsspielräume und Machtverhältnisse innerhalb der Institution sichtbar machen. Dadurch entsteht ein Panorama, das die Akademie als sozialen und politischen Raum begreift. Die Beiträge zeigen eindrucksvoll, wie eng Fragen von Kunst, Ideologie und institutioneller Macht miteinander verflochten waren.
Die Publikation ist ein wichtiger Beitrag zu einer kritischen Institutionengeschichte in antifaschistischer Absicht. Sie verbindet historische Forschung mit gegenwartsbezogener Erinnerungspolitik und zeigt exemplarisch, wie produktiv die Zusammenarbeit von Geschichtswissenschaft, Kunst und Kulturwissenschaft sein kann. Sie macht deutlich, dass die Geschichte der Akademie der bildenden Künste Wien auch eine von Ausgrenzung, Anpassung und Widerstand ist. Gerade darin liegt seine aktuelle Relevanz. Das Buch liefert keine beruhigende Vergangenheitsbewältigung, sondern fordert dazu auf, die politischen Voraussetzungen kultureller Institutionen immer wieder neu zu befragen. Für alle, die sich für österreichische Zeitgeschichte, die Geschichte von Kunstinstitutionen und die Nachwirkungen des Austofaschismus und Nationalsozialismus interessieren, ist dieser Band daher eine ebenso erkenntnisreiche wie notwendige Lektüre.
1 Einen vergleichbaren Ansatz verfolgt die einen ähnlichen Zeitraum abdeckende Neuerscheinung von Alina Laura Just: Gestaltung und Gleichschritt. Die Geschichte der Hochschule für bildende Künste Hamburg im Nationalsozialismus; Berlin 2026.
2 Die Publikation Hans Seiger; Michael Lunardi, Peter Josef Populorum (Hrsg.): Im Reich der Kunst. Die Wiener Akademie der bildenden Künste und die faschistische Kunstpolitik war dann die erste, die sich kritisch dem Thema widmete. Sie erschien 1990, jetzt digitalisiert unter https://doi.org/10.21937/3851151305.
Eduard Freudmann, Jakob Krameritsch, Michael Lunardi, Ruth Sonderegger (Hg.): Ergänzungen und Eingriffe. Zur Geschichte der Akademie der bildenden Künste Wien 1930–1960; Mandelbaum Verlag, Wien 2025, 448 Seiten, 33 Euro

