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Beim gemeinsamen Erschließen von Texten werden Themen nicht nur oberflächlich erfasst, sondern es geht gesellschaftlichen Phänomenen auf den Grund. Man regt sich gemeinsam auf, entdeckt Widersprüche und Leerstellen und erkennt wiederkehrende Argumentationsmuster. Gerade in polarisierten Zeiten ist das eine Form von Friedenstüchtigkeit: nicht vorschnell zu urteilen, sondern gemeinsam zu analysieren.
Die spanische Essayistin Lola López Mondéjar beschreibt Schreibwerkstätten und Lesekreise als „revolutionäre Räume“. Nicht das Lesen allein sei entscheidend, sondern das gemeinsame Sprechen darüber. Erst wenn Eindrücke Worte bekommen, entsteht kritisches Denken. Lesekreise verbinden genau das: analytische Auseinandersetzung und soziales Erleben. Texte werden zum Ausgangspunkt, um über eigene Erfahrungen, gesellschaftliche Verhältnisse und politische Fragen ins Gespräch zu kommen. Oft verlässt man den Raum mit einer neuen Perspektive – und fast immer mit vielen neuen Fragen im Gepäck.
Besonders fruchtbar wird diese Arbeit durch Close Reading – das genaue Lesen nah am Text. Statt vorschnell eigene Deutungen hineinzutragen, richtet diese Methode den Blick auf Sprache, Begriffe, Bilder und Argumentationsstrukturen: Welche Annahmen stecken im Text? Wer sagt was und mit welcher Zielsetzung? Wie lässt sich der Text in eigene Worte übersetzen? Durch das gemeinsame laute Lesen lassen sich Nuancen und Untertöne entdecken, die beim stillen Überfliegen verborgen geblieben wären. Close Reading hilft dabei, in Diskussionen nah am Text zu bleiben – ohne persönliche Lesarten und Beispiele auszuschließen.
Melanie Stitz bietet schon seit vielen Jahren für die Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW in Kooperation mit dem feministischen Blatt Wir Frauen und dem zakk - Zentrum für Aktion, Kultur und Kommunikation einen feministischen Lesekreis in Düsseldorf an. 2025 hat Klara Schneider das Format adaptiert und in Köln umgesetzt.
Immer wieder erreichen uns Nachfragen von Interessierten, die selbst gerne Lesekreise umsetzen würden. Als es Ende 2025 darum ging, das neue Thema „‘Die Waffen nieder’ – Feministische Positionen gegen Krieg und Militarismus“ vorzubereiten, kam uns die Idee, parallel eine Handreichung zu entwickeln. Diese ist nun hier veröffentlicht.
Diese Handreichung enthält eine Einführung in Ziele, Nutzen und Arbeitsweise des Formats, Fragen zur Textanalyse, einen Ankündigungstext, eine Themen-Mindmap, zwei Vorschläge für eine Jahresplanung sowie einen Ablauf für das erste Treffen. Ergänzt wird sie durch eine kommentierte Literaturliste, Einstiegszitate und Anregungen für vertiefende Analyseformen.
Die Handreichung kann sowohl Schritt für Schritt genutzt werden, als auch als Inspirationsquelle für Format oder Textauswahl dienen. Unsere Erfahrungen zeigen: Die Methode funktioniert – mit leichten Anpassungen – sowohl in Präsenz als auch online.
Probiert es aus, entwickelt das Format weiter und teilt eure Erfahrungen. Wir freuen uns über Rückmeldungen – und auf eine wachsende Anzahl feministischer Lesekreise.
Klara Schneider und Melanie Stitz