Publikation Sozialökologischer Umbau 25 Jahre Tschernobyl - 1 Monat Fukushima

Grußwort von Jonas Bens (Vorstand RLS-NRW) zur Fachtagung "Die Energiewende in NRW wagen! Aber wie beginnen?" am 16.4.2011 in Düsseldorf

Information

Reihe

Online-Publikation

Erschienen

April 2011

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Genossinnen und Genossen, meine Damen und Herren,

auch von der Seite der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW ein herzliches Willkommen auf dieser Konferenz. Als diese Tagung geplant wurde, stand - wie schon gesagt wurde - nur der erste Teil des Titels fest: 25 Jahre Tschernobyl. Der zweite Teil - ein Monat Fukushima - musste von den Veranstaltern ergänzt werden.

Im Schatten dieser Ereignisse in Fukushima ist mir in diesen Tagen ein kurzer Text von Walter Benjamin ins Gedächtnis gekommen, der mit "Über den Begriff der Geschichte" überschrieben ist. Vielleicht kennen einige die eindrückliche Metapher, die er darin be-nutzt: Diejenige vom Engel der Geschichte.

Das ist ein Engel, in dessen Flügel sich ein starker Wind verfangen hat, der vom Paradies her weht. Von diesem Wind wird er in Richtung Zukunft gedrückt, der er den Rücken zu-kehrt. Den Blick hat er in die Vergangenheit gerichtet und sieht dort wie sich Trümmer auf Trümmer häufen, die die Menschheit in ihrer Geschichte hervorgebracht hat. Diesen Wind, der den Engel durch die Zeit treibt, nennen wir Fortschritt.

Benjamin schreibt diesen Text im Jahre 1940, seinem Todesjahr. Er, ein kommunistischer Jude auf der Flucht vor den Nationalsozialisten, hat ein ganz anderes Bild vom Fortschritt als die meisten von uns heute. Die Geschichte hatte Deutschland und der Welt den Fa-schismus gebracht, der technische Fortschritt den technisierten Krieg. Unter anderem in diesem Text klagt Benjamin auch die politische Linke im Deutschland der zwanziger und dreißiger Jahre an, viel zu lange im Rahmen eines eher schlichten Marxismus kritiklos an das Heil im Fortschritt geglaubt zu haben. Benjamin steht hier - mit vielen anderen - in ei-ner Tradition linker Fortschrittskritik.

Heute stellen sich diese Fragen anders, wohl aber in besonderer Schärfe. Benjamin kann-te nicht die Atomenergie, die moderne Gentechnologie, das Computerzeitalter. Aber ich bin sicher er hätte einen anderen Blick, einen schärferen Blick dafür, dass der Fortschritt kein Naturgesetz ist, das er gestaltet werden muss, und dass nicht alles, was möglich ist, auch getan werden muss, getan werden darf.

Die politische Linke will nicht fortschritts- oder technikfeindlich sein. Worüber sie heute mehr denn je nachdenken sollte, ist nicht eine Feindschaft gegenüber, sondern eine Kritik des Fortschritts. Eine solche Kritik ist nicht schlechthin gleichbedeutend mit Ablehnung, vielmehr geht es um ein Hin- und Her Wenden der Sache, eine intensive Auseinanderset-zung am Für und Wieder und um ein Messen am Maßstab der solidarischen und demokra-tischen Gesellschaft.

Eine so verstandene Fortschrittskritik kann im Übrigen auch einmal zu einem Ergebnis führen, zu dem Konservative auch kommen. Es ist ja geradezu der identitäre Kern des Konservatismus, das ihm jeder Fortschritt suspekt ist. Das gilt für die politische Linke nicht. Die politische Linke hat noch etwas vor mit der Geschichte, sie hat eine Agenda. Und ihr muss ein solcher Fortschritt suspekt sein, der diese Gesellschaft nicht solidarischer und demokratischer macht.

Gegnerschaft Atomkraft ist für die politische Linke daher kein Folklorethema. Sie ent-springt einer links begründeten und links geführten Fortschritts- und Technologiekritik.

Wir diskutieren hier heute über eine Energiepolitik der Zukunft und wollen einen Beitrag zu einer so verstandenen Fortschritts- und Technologiekritik leisten. Solche Debattenlinien weiterzuführen, gerade auf dem Gebiet der Umwelt- und Energiepolitik, muss auch immer Aufgabe einer linken Stiftung, wie der Rosa-Luxemburg-Stiftung, sein. In deren Namen wünsche ich Euch und Ihnen allen eine interessante Tagung.

Vielen Dank!

Zum Programm